Die Vorgeschichte

So schnell kann’s gehn: Ende 2013 frisches Kapital erhalten, Mitte 2014 Büro Eröffnung in London, Oktober 2014 Start der französischen Glassdoor Seite, Anfang Januar 2015 eine weitere 70 Millionen USD Kapitalspritze und heute: Deutschlandstart – hier geht’s zur Pressemeldung.

Das amerikanische Glassdoor gibt es seit 2008.

Das bietet Glassdoor aktuell in Deutschland

  • Arbeitgeber Bewertungen durch Mitarbeiter
  • Bilder, z.B. Bürofotos, von Mitarbeitern hochgeladen (das wird Diskussionen geben…)
  • Bewertungen zu Bewerbungsgesprächen
  • Arbeitgeber Profile
  • Informationen zu Gehaltsangaben
  • Angaben zu Zusatzleistungen („Benefits“, „Perks“)
  • 500.000 aggregierte Jobs – ich nehme an, darunter sind Duplikate zu finden
  • Smartphone Apps (iOS und Android)
  • mobile-optimierte Inhalte (responsive Website) – nach Glassdoor Aussagen sind 50 Prozent der Zugriffe von mobilen Endgeräten

Für Deutschland – immerhin stammen rund ein Viertel der generellen Glassdoor-Nutzer von außerhalb der USA – liegen zur Zeit knapp 30.000 nutzer-generierte Inhalte (Bewertungen, Gehaltsangaben, Bilder) über 6.500 Firmen vor. Zum Vergleich: Beim Frankreichstart hatte man dort von 15.000 Inhalten zu 3.000 Unternehmen berichtet.

Weltweit gibt es auf Glassdoor aktuell 7,5 Millionen Inhalte zu 350.000 Firmen. Alles in allem immer noch eine sehr geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass es alleine in Deutschland mehr als 3,6 Millionen Unternehmen gibt.

Die Inhalte für bzw. aus Deutschland sind zum Start übersetzt worden.

Wen und was kostet das?

Das ist die gute Nachricht, jedenfalls bis auf Weiteres und bedingt für die Basis Arbeitgeber Profile: Nichts!

Wann und ob sich das wie ändert, wollte mir Glassdoor im Gespräch leider nicht verraten. Auch warte ich noch auf die genaue Auflistung der Unterschiede der „Free“ und „Enhanced“ Profile (wird nachgeliefert).

Unternehmen bezahlen weder etwas für das Basis Arbeitgeberprofil, noch für ihre dort aggregierten Jobs, und die Arbeitgeber können sogar auf Bewertungen der Arbeitnehmer reagieren und Benchmarks mit dem Wettbewerber einsehen.

Nein, nein: Ihre Augen trügen Sie nicht.
Aber mit einem inzwischen auf mehr als 160 Millionen USD angehäuften Kapital, lässt sich da eben doch eher eine ruhige Kugel schieben.

Ich meine mich zu erinnern, dass es in Sachen kununu- und XING-Preisgefüge gerade bezüglich der Arbeitgeber Profile Kritik gab.

Dass die Amerikaner sehr Vieles „für umme“ hergeben, lässt den Wettstreit „Xununu“ (wie Henner das Gespann gerne bezeichnet) gegen Glassdoor schon beinahe unfair anmuten.

Aber hart ist das Brot: Wer hat, der hat.

An XINGs Stelle wollte ich im Augenblick nicht sein. Denn mit E-Recruiting, vor allem Jobanzeigen, wird nach den Premium Mitgliedschaften das meiste Geld gemacht. Ein Arbeitgeberprofil auf kununu / XING ohne integrierte (XING) Stellenanzeigen macht wenig Sinn, und eine Möglichkeit, die eigenen Jobs von der Karriereseite einzubinden, sehe ich hier nicht.

Allerdings werden Unternehmensvertreter prüfen müssen, inwiefern das Glassdoor Firmenprofil den Xununu Profilen das Wasser reichen kann. Hier freue ich mich schon auf die Praxistests und -beschreibungen meiner HR-Blogger Kollegen!

XING wird also zukünftig nicht nur von LinkedIn, sondern auch von Glassdoor angegriffen.
Zwei US-Riesen mit meiner Meinung nach stärkerem Expansionswillen und größerer Anpassungsfähigkeit an technologische Neuerungen.

A propos: Digitale Tranformation ist heute vor allem mobile Optimierung

201501-screen_mobile-kununuWo wir gerade von technologischen Neuerungen reden: Glassdoor ist mobile optimiert und hat eine eigene App (ob eine App wirklich zwingend notwendig ist, sei mal dahin gestellt), aber ein responsives Webdesign ist für Anbieter dieser Klasse absolute Pflicht (nach dem responsiven Relaunch von Online-Recruiting.net erlaube ich mir, richtig lauthals zu meckern), nicht wahr, liebe Jobportale!

Bei kununu sieht das weder mobile optimiert noch responsive aus… nicht so gut.

Da muss jetzt schnell nachgelegt werden. Kununu ist ja noch jung und daher agil und flexibel, oder?

Wo kommen die Jobs her?

50 Prozent, so sagte mir Sonja Perry, Glassdoor Produktmanagerin Deutschland, der aggregierten – ja, auch Jobsuchmaschinen sollten sich wärmer anziehen – Jobs stammen direkt von Arbeitgeber Karriereseiten und werden damit in das Arbeitgeberprofil automatisch reingezogen.

Die anderen 50 Prozent werden dank Jobportal Kooperationen eingespielt. Aktuell und offiziell abgesegnet erwähnbar sind StepStone und Adzuna. Die anderen Partner kann man ja sehr gut durch ein paar Jobsuchen selbst herausfinden, wobei – so nehme ich an – auch einige Quellen dabei sein werden, die einfach so durchstöbert und deren Inhalte aggregiert werden. Aber das bleibt zu prüfen.

Zum Deutschlandstart sind jedenfalls 500.000 Jobs verfügbar, was eine stattliche Zahl ist.

Es bleibt auch im Auge zu behalten, wie sich indeed.de, die seit geraumer Zeit und laut ComScore Zahlen mehr monatliche Besuche als StepStone ausweisen, mit Glassdoor verträgt. Beziehungsweise, wie sich beide entwickeln.

Glassdoor’s Ziel

Glassdoor hat neben Jobs eine Menge weitere Funktionen, die es weder bei indeed.de, noch bei anderen (Job) Portalen gibt: Die Community Funktion. Und das ist das erklärte Ziel des Arbeitgeber Bewertungsportals: Die Job- und Karriere Community weltweit (!) zu sein.

Wo ist der Haken?

Was mir bereits bei der französischen Glassdoor säuerlich aufgestoßen ist, wird generell betrieben, und damit auch in Deutschland:

Das so genannte „Give-to-get“ Modell.

Um als Nutzer Bewertungen und Daten zu Gehaltsangaben einsehen zu können, muss ich selbst eine Bewertung abgeben. Das gefällt mir nicht, auch wenn ich natürlich den Sinn dahinter verstehe.
Daher wollte ich wissen, wie die Nutzer in den USA und vor allem Frankreich – da die Seite noch sehr jung ist – auf dieses Modell reagieren. Lassen sie sich auf diesen Deal ein? Oder springen sie ab?

Leider wollte mir Glassdoor diese Frage nicht beantworten. Ich habe jedenfalls auf der französischen Seite keine Arbeitgeber Bewertung abgegeben.

129H-old-vintage-car_320Aber so ist das eben: So richtig kostenfrei ist nichts im Internet.

Dennoch sind Plattformen wie Glassdoor – und es gibt eine noch größere Armada an Free(mium) Angeboten für HR Technologien – das Zeichen der neuen Entwicklung im Internet: Der Free und Sharing Economy (wenn hier auch terminologisch etwas anders verwendet als man es mit „Sharing Economy“ sonst tut):

Gib mir Deine Daten oder „user-generated Content“, und ich teile diese mit Dir und der gesamten Community.
Die Geschäftsmodelle dahinter sind andere als die klassischen „Subscription“ oder „Premium“ Zugänge. Vielmehr findet eine Diversifikation von Einnahmequellen statt, die aus vielen kleinen Teilen und Bausteinen besteht.

Und hier liegt der Haken auch für deutsche Plattformen, denn „free is the new sexy“ im Internet. Das Thema Umsatz- und Gewinngenerierung muss neu überdacht werden.

Diese neuen „Freemium-Modelle“ kommen aus anderen Ländern als Deutschland, und sie revolutionieren alle Märkte. Anbieter wie Glassdoor haben darüber hinaus verstanden, dass europäische Märkte nicht mit dem „One-size-fits-all“ System erobert werden können.

Sie haben mit Sicherheit gesehen oder mit erlebt, wie schwer sich Monster und LinkedIn mit ihren Markteintritten in Deutschland getan haben, und wie sich teilweise immer noch die Zähne ausbeißen. Um LinkedIn mache ich mir da zukünftig weniger Sorgen, aber dort gibt es eben jede Menge Kapital und Anleger, die nach wie vor bereit sind, immer höhere Summen zu investieren.

Das ist die Schwierigkeit in den europäischen Märkten: Finanzierungen und Risikokapital für neue Modelle und Ideen sind im Vergleich zu dem, was in den USA geht, verschwindend gering.

Wer soll auf längere Sicht aus den eigenen Reihen mithalten?
Und wollen wir uns in Europa wirklich auf Dauer ausschließlich mit dem amerikanischen Mainstream und allem, was das bedeutet und mit sich bringt, auseinandersetzen?
Welche zukunftsweisenden und tragfähigen Alternativen kann und wird Europa dagegen halten?

Glassdoor haben ihren Markteintritt von langer Hand vorbereitet – immerhin seit der größeren Finanzierungsrunde Ende 2013.

Was halten Sie von der neuen Plattform? Ein Kontrahent für kununu und XING? Oder für andere (Job) Portale?

[Update]: Stefan Scheller von Datev hat en ersten Praxistest gemacht und gebloggt. Sein Fazit und Ergebnis: alarmierend und schockierend – Glassdoor gefährdet die Candidate Experience.

Bild: Ryan McGuire; License CC0 1.0